FIT für die Informationsgesellschaft (2001 - 2005)
II. Erfolgsfaktoren
4 Bibliotheksbau und -einrichtung
Neben der Grundlage aller Betrachtungen zum Bibliotheksbau, dem DIN-Fachbericht 13 "Bau- und Nutzungsplanung von wissenschaftlichen Bibliotheken", der 1998 in 2. Auflage erschienen ist, war Ausgangspunkt für eine detaillierte Untersuchung zur Bau- und Raumsituation an bayerischen Fachhochschulbibliotheken eine Gesamterhebung, die im Sommer 2000 an 28 Zentral- und Teilbibliotheken durchgeführt wurde.
Aus dem statistischen Material der Gesamterhebung zum Ist-Stand wurden sechs Kennziffern für ausgewählte Bereiche entwickelt, von denen fünf die Situation der Studierenden beschreiben und eine Kennziffer diejenige der Mitarbeiter in Bibliotheken. Diese Kennziffern ermöglichen eine Darstellung der komplexen Situation, weisen aber auch in die Zukunft, in dem sie helfen erreichte Standards zu sichern, Mängel offen legen und Argumente für Verbesserungen liefern. Damit sollen diese Kennziffern die Eckdaten zu einem Qualitätsmanagementsystem im Bibliotheksbau liefern.
4.1 Allgemeine Situation
Die Raumsituation an den bayerischen Fachhochschulbibliotheken hat sich in den letzten 10 Jahren deutlich verbessert.
Von 28 Bibliotheksstandorten erhielten 20 in den vergangenen 10 Jahren einen Neubau, das sind 71%. Die Tatsache, dass alle Bibliotheken der zwischen 1994 und 1996 gegründeten Fachhochschulen in kürzester Zeit einen Neubau oder einen adäquat umgebauten Altbau erhielten, trägt zu diesem positiven Bild wesentlich bei. Aktuelle Baumaßnahmen gibt es zurzeit in Ansbach (Neubau) und Regensburg (Neubau Teilbibliothek Seybodtstraße). In Augsburg (Zentralbibliothek), Nürnberg (Zentralbibliothek) und Weihenstephan (Teilbibliothek Forstwissenschaften) werden Neubauten geplant.
Diese an sich positiv zu bewertende Entwicklung wird durch verschiedene Aspekte relativiert:
- So konnten einige Fachhochschulbibliotheken ihre Neubauplanungen trotz jahrelangen Vorlaufes immer noch nicht realisieren und müssen sich mit inzwischen viel zu kleinen Altbauten und wenig geeigneten Provisorien arrangieren.
- Stark gestiegene Studentenzahlen, die Ausbauzielzahlen der Fachhochschulen zum Teil um ein Mehrfaches überschreiten, haben die ursprünglichen Planungen für die bereits realisierten Bauten zur Makulatur werden lassen, so dass in den meisten älteren Fachhochschulbibliotheken bereits wieder über Raummangel geklagt werden muss.
- Organisationsabläufe in Bibliothek unterliegen seit ungefähr 10 Jahren in starkem Maße einem Wandlungsprozess. Als Beispiel sei an dieser Stelle nur die Einführung von integrierten Geschäftsgängen im Zuge der Automatisierung der Erwerbung genannt. Die Personalsituation an bayerischen Fachhochschulen hat sich zudem nicht so positiv entwickelt wie zu wünschen gewesen wäre. Sehr statische Bibliotheksbauten, die den veränderten Bedürfnissen in der Bibliotheksorganisation nicht Rechnung tragen können und Bibliotheksbereiche, die wegen der fehlenden Verkabelung nicht multifunktional für Ausleihtheken, Informationsbereiche und Arbeitsplätze einsetzbar sind, erschweren unnötig die Arbeit eines (zu) kleinen Bibliotheksteams.
Abweichend von der bisherigen Maxime, nur den aktuellen Bestand vollständig als Freihandbestand aufzustellen und weniger benutzte Literatur zu magazinieren, wird nun für eine fast durchgehende Freihandaufstellung plädiert. Da Fachhochschulbibliotheken in Bayern keinen Archivierungsauftrag haben und die "Richtlinien für die Aussonderung, Archivierung sowie Bestandserhaltung von Bibliotheksgut in den Bayerischen Staatlichen Bibliotheken" (KMS XII/10-K3400-12/16077 vom 21.7.1998) darüber hinaus eine konsequente Aussonderung nicht mehr benutzter, veralteter Literatur vorsehen, sollte die Relation der Flächen von Freihandbereich und Magazin mindestens 4 : 1 betragen, wenn nicht konsequenterweise ganz auf ein Magazin verzichtet wird. Damit wird nicht nur dem Aspekt der Bibliothek als Lernort Rechnung getragen, sondern auch die personal- und arbeitsintensive Betreuung eines Magazins auf ein Minimum reduziert. Die verbleibenden Magazinflächen sollten idealerweise so an die Freihandflächen angebunden sein, dass sie gegebenenfalls auch für die Benutzer geöffnet und als Freihandmagazine genutzt werden können. Sieben Bibliotheken erreichen das geforderte Verhältnis von mindestens 4 : 1 Freihandbestand zu Magazinbestand, sechs Bibliotheken bieten weniger Freihandbestand an und in 15 Bibliotheken können die Benutzer den Gesamtbestand der gedruckten Literatur im Lesesaal einsehen.
Völlig neue Anforderungen an Bibliotheksbau und -ausstattung stellen die massiven Veränderungen in der Informations- und Medienlandschaft: Internetanschlüsse an allen Benutzerarbeitsplätzen und ausreichend PC-Arbeitsplätze in der Bibliothek garantieren einen optimalen Zugang zu elektronischen Informationen. Die Bibliothek als Teaching Library, die, fest geschrieben in den entsprechenden Hochschulentwicklungsplänen, die Vermittlung von Medienkompetenz als eine ihrer Hauptaufgaben betrachtet, muss adäquat ausgestattet sein. Ein Schulungsraum in der Bibliothek mit Internetanschlüssen, Laptop, Beamer und Präsentationsflächen wie White Boards ist Voraussetzung, damit Bibliotheken diesem Auftrag nachkommen können. Ein Ausweichen auf Seminarräume oder PC-Labors der Hochschule ist zwar möglich, hat aber den entscheidenden Nachteil, dass die Verzahnung von traditionellen Printmedien und elektronischen Informationen, die über das Netz angeboten werden, dort kaum zu vermitteln ist.
Die Studienziele haben sich von der reinen Wissensvermittlung hin zu Sozialkompetenz, Medienkompetenz und Teamfähigkeit erweitert. Projektarbeiten und Teampräsentationen prägen den Studienalltag. Eine am Benutzerbedarf orientierte Bibliothek muss daher entsprechend ausgestattete Gruppenarbeitsräume zur Vorbereitung in genügender Anzahl bereithalten.
Planungsunsicherheit bei den anstehenden Neu- und Umbauten stellt die schwierig abzuschätzende Entwicklung im Medienbereich dar. Aussagen, wie sich die Produktion elektronischer im Verhältnis zu gedruckten Medien entwickeln wird und in welcher Menge gedruckte Zeitschriften und gebundene Jahrgänge noch das Erscheinungsbild von Bibliotheken mit bestimmen werden, bevor sie gänzlich von elektronischen Ausgaben oder elektronischen Archivierungsmedien abgelöst werden, sind zum jetzigen Zeitpunkt kaum zu treffen.
4.2 Situation für die primäre Zielgruppe Studierende
4.2.1 Publikumsfläche pro 1.000 Studierende
Formel für Berechnung: (Flächensumme Lesesaal + Ausleihe/Information + Gruppenarbeitsräume + Carrels + Mediothek)/ Studierende x 1000 (s. Diagramm 2).
Durchschnittlich 356 qm Publikumsfläche für 1.000 Studierende stellen bayerische Fachhochschulbibliotheken ihren Studierenden zur Verfügung.
Ein Blick auf Diagramm 2 zeigt, dass vor allem die großen Fachhochschulbibliotheken mit hohen Überlastzahlen ihren Benutzern wenig Platz anbieten können. Die eklatanten Unterschiede zwischen Bedarfsberechnungen mit „idealen" Zahlen in der Planungsphase und der Situation im Echtbetrieb schlagen hier voll zu Buche. Die mittleren und vor allem die kleinen Bibliotheken haben dagegen fast durchgängig ein gutes bis sehr gutes Platzangebot. Immerhin 10 von 28 Bibliotheken bieten ihren Studierenden mehr Fläche als der Mittelwert. Von diesen 10 Bibliotheken sind 5 Neugründungen der letzten Jahre, die noch nicht vollständig ausgebaut sind. Ein deutliches Indiz dafür, dass sich diese Idealsituation mit dem Fortschritt des Ausbaus der Hochschulen schnell ändern kann.
Ganz schlechte Bedingungen herrschen in Rosenheim, Würzburg und München, Teilbibliothek Karlstraße. Für Rosenheim, das mit 14% vom Raum-Mittelwert die schlechteste und Würzburg, das mit 27% die zweitschlechteste Platzierung hat, wird sich absehbar nichts ändern.
4.2.2 PC-Arbeitsplätze für die Studierenden
Formel: PC-Arbeitsplätze / Studierende × 1000 (s. Diagramm 3).
Pro 1.000 Studierende sollen 10 PCs in der Bibliothek für Recherchen in Datenbanken, elektronischen Medien oder im Internet zur Verfügung stehen (s.a. Punkt II. 3 Datenverarbeitung). Diese Ausstattung bietet keine Bibliothek an; der Mittelwert der PC-Arbeitsplätze für die Studierenden in bayerischen Fachhochschulbibliotheken liegt bei 4, d.h. nicht einmal 50% des Solls werden erreicht. 16 Bibliotheken haben pro 1.000 Studierende nur 4 oder weniger PCs in der Bibliothek stehen. Der Zugang zu wichtigen Informationsquellen, die inzwischen nur noch in elektronischer Form angeboten werden und für die Hochschulen viel Geld ausgeben, ist im Bibliotheksbereich deutlich eingeschränkt. Die Studierenden sind also auf eine gute ausreichende Ausstattung in den PC-Labors der Hochschulen oder auf den privaten PC zu Hause angewiesen.
4.2.3 Verkabelung von Benutzerarbeitsplätzen
Formel: Verkabelte Arbeitsplätze/Gesamtanzahl Arbeitsplätze × 1000 (s. Diagramm 4).
Ausgehend von der Maximalforderung, dass in einer Informationsgesellschaft ein Studierender sich an jedem Arbeitsplatz in der Bibliothek mit einem Laptop in das Internet einwählen können sollte, sieht die Realität deutlich anders aus. In neun Bibliotheken ist der Lesesaal überhaupt nicht verkabelt, in acht Bibliotheken stehen weniger als 10%, in sechs Bibliotheken zwischen 10 und 50% der Lesesaalplätze mit Internetanschluss zur Verfügung. Ideale Arbeitsbedingungen mit mindestens 90% verkabelten Benutzerarbeitsplätzen anzubieten mit der Möglichkeit der Verzahnung von klassischem Bibliotheksbestand in Print-Form, elektronischem Bestand, der über Netze virtuell angeboten wird und Arbeitsdateien auf der eigenen Festplatte gelingt nur fünf Bibliotheken, das sind 18% der Fachhochschulbibliotheken.
Formel: Carrels / Studierende × 1000 (s. Diagramm 5a und 5b).
Carrels sind abgeschlossene Arbeitsbereiche im Lesesaal, die ein längeres, intensives Einzelstudium in der Bibliothek unterstützen sollen. Meist werden solche Räume für umfangreiche Themenbearbeitungen oder die Anfertigung der Diplomarbeit zur Verfügung gestellt. Dabei können sämtliche persönliche Unterlagen, in machen Fällen auch eine Art kleiner Handapparat aus Bibliotheksbeständen im Carrel verbleiben.
Sowohl die Hochschul-Informations-System-GmbH (HIS) als auch das ehemalige Deutsche Bibliotheksinstitut (DBI) fordern in einschlägigen Veröffentlichungen pro 100 Studierende 0,5 Carrels.
Nur 3 von 28 Bibliotheken erfüllen diese bauliche Anforderung. 16 Bibliotheken bieten überhaupt keine Carrels an, das heißt 57% der Bibliotheken können dem Bedürfnis ihrer Benutzer nach abgeschlossenen Arbeitszonen nicht entgegenkommen.
Formel: Gruppenarbeitsräume / Studierende × 1000 (s. Diagramm 6).
In der 1. Fortschreibung zu den „Empfehlungen für den Ausbau der Bibliotheken der Fachhochschulen in Bayern" von 1993 wird mindestens ein Gruppenarbeitsraum je 500 Studierender mit mindestens 10 qm Größe empfohlen. Der erreichte statistische Mittelwert liegt bei nur 0,43. 13 Bibliotheken haben überhaupt keinen Gruppenarbeitsraum, in zwei Bibliotheken sind sie deutlich zu klein. Das bedeutet, dass über die Hälfte der bayerischen Fachhochschulbibliotheken in diesem Bereich ihrer primären Benutzergruppe kein adäquates Angebot machen kann.
4.3 Flächen für die Mitarbeiter
Formel: (Bürofläche + Besprechungszimmer + Sozialraum + Poststelle) / Mitarbeiteranzahl (s. Diagramm 7).
Der Mittelwert aller betrachteten Büroflächen ergab 16 qm, der nicht so weit von den Flächen für Bibliothekspersonal aus der RB Bau entfernt liegt, wenn man den durchschnittlichen Flächenbedarf (10,5) je eines Mitarbeiters des mittleren (9) und des gehobenen (12) Bibliotheksdienstes zugrunde legt. Die Gesamtsituation stellt sich zunächst also überwiegend positiv dar. 12 von 28 Bibliotheken erreichen diesen Faktor oder liegen sogar darüber. Aber es gibt auch vier kleine Bibliotheken, die keine eigenen Büroflächen ausweisen und wo der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin im Lesesaal arbeiten muss. Und diejenigen Bibliotheken, die insgesamt sehr wenig Publikumsfläche haben wie Rosenheim und Weihenstephan, haben in der Konsequenz auch zu wenig Fläche für ihre Mitarbeiter.
Die Gesamtsituation verschlechtert sich allerdings sofort, wenn der Soll-Stand aus den Personalberechnungen zugrunde gelegt würde und berücksichtigt wird, dass an den zuletzt gegründeten Fachhochschulbibliotheken der Personalaufbau noch nicht abgeschlossen ist.
Auch wenn sich die Bau- und Raumsituation an bayerischen Fachhochschulbibliotheken besser darstellt als noch zum Erscheinen der 1. Fortschreibung der "Empfehlungen zum Ausbau der Bibliotheken der Fachhochschulen in Bayern" von 1993, gibt es doch einige Bereiche, die dringenden Nachbesserungsbedarf haben, damit die bayerischen Fachhochschulbibliotheken auch und vor allem vor dem Hintergrund der eingangs erwähnten veränderten Studiensituationen eine den heutigen Erfordernissen gerecht werdende Ausstattung erhalten.
Im einzelnen sind hier zu nennen:
- Die geplanten Neubauten sollten schnellstmöglich realisiert werden.
- Eine flächendeckende Verkabelung von Bibliotheksgebäuden soll Standard werden.
- Die Ausstattung mit PCs sollte deutlich verbessert werden.
- Die Ausstattung der Bibliotheken mit Schulungsräumen, Carrels und Gruppenarbeitsräumen sollte verbessert werden.
Gründe für die zum Teil eklatanter Mängel sind nicht so sehr in fehlender oder fehlerhafter Planung zu suchen, sondern zum einen in der sich stark verändernden Medienlandschaft, der Rechnung getragen werden muss, damit Bibliotheken weiterhin ihren Aufgaben als zentrale Einheit der Hochschule für alle Bereiche der Informationsbeschaffung nachgehen können. Zum anderen ist die Mittelausstattung im Bereich des Bauunterhalts deutlich zu gering und die Genehmigungsverfahren für Neubauten viel zu lang.
Erst wenn all diese Defizite behoben sind, können Bibliotheken noch besser ihren Teil dazu beitragen, dass an den einzelnen Hochschulstandorten ideale Studienbedingungen herrschen.
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